Wenn die Stimme geht – und man neu anfangen muss

Es hat mit einem Polyp angefangen.

Nach längerer Heiserkeit zum HNO – alles okay, nur ein Polyp in der linken Nase und eine schiefe Nasenscheidewand. Überweisung, kein Drama. Ich war als Kind schon bei den Barmherzigen Brüdern in Wien, also dorthin.

Bei der Untersuchung haben sie eine Halsspiegelung gemacht. Der Arzt hat kurz gestutzt. Die Stimmlippe sieht nicht gut aus, wir müssen das genauer anschauen. Eine Spezialuntersuchung, ein rascher Termin. Das Ergebnis war klar: Kehlkopfkrebs.

Sicherheitshalber wurde ein Teil der Stimmlippe entfernt. Alles gut gegangen. Nach etwa einem halben Jahr ein Rückfall, wieder eine Behandlung, diesmal wurde die Stimmlippe vollständig entfernt.

Was danach kam war neu für mich: Sprechen musste ich neu erlernen. Mit einem Logopäden, von Grund auf. Ohne Stimmlippe atmet man komplett anders, man verbraucht mehr Luft beim Sprechen, schafft ohne Training keinen ganzen Satz. Leise, kontrolliert, bewusst. Seit dieser Zeit ist meine Stimme immer etwas rau. Lauter werden oder schreien, das ist nicht mehr möglich.

Plötzlich hat man eine komplett andere Stimme, fremd, rau, leise, man erschrickt wenn man sich selbst hört.

In Gesprächen wo mehrere Menschen reden, man ist dabei aber nicht wirklich. Man sagt etwas, wird nicht gehört, oder nicht verstanden. Man versucht es nochmals, lauter, aber lauter geht nicht mehr. Irgendwann sagt man einfach nichts mehr. Man zieht sich zurück, ohne es zu wollen.

Das ist kein kurzer Moment, das dauert Lange. bis man akzeptiert dass diese Stimme jetzt die eigene ist. Dass sie nicht wieder zurückkommt. Dass man mit ihr leben wird, nicht gegen sie.

Und irgendwann in diesem Prozess begreift man wie mächtig die Stimme eigentlich ist. Etwas das man nie beachtet hat, nie hinterfragt hat, ein selbstverständliches Instrument das man täglich benutzt hat ohne darüber nachzudenken. Erst wenn sie weg ist versteht man wirklich was sie bedeutet.

Dann wurde erneut etwas festgestellt diesmal, im Bereich des Kehlkopfs. Eine Bestrahlung wurde eingeleitet, eine sogenannte VMAT-Radiotherapie eine moderne, bildgesteuerte Methode die gezielt nur den betroffenen Bereich trifft ohne umliegendes Gewebe zu schädigen. Vor jeder Sitzung ein Cone-Beam CT zur genauen Positionierung. Zuerst eine Maske anpassen,Hannibal-Lecter mäßig, wer es kennt weiß was ich meine. Zahnschutz, vorher alle Zähne in Ordnung bringen. Dann über 30 Bestrahlungen vom 16. Januar bis 22. Februar 2023.

Essen war schwierig, vor allem Schlucken. Viele nehmen in dieser Zeit extrem ab. Bei mir war das zum Glück nicht so, ich habe es gut weggesteckt.

Begonnen hat alles Anfang 2020. Die Bestrahlung war Anfang 2023 abgeschlossen.

Heute gehe ich nur noch zur Kontrolle.

Ich erzähle das weil jeder von uns irgendwann durch schwierige Zeiten geht. Das gehört zum Leben so wie alles andere auch.


Peace.

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